Presse Theater am Olgaeck



 
Stuttgarter Nachrichten – 25. September 2015

Internationale Kunst in familiärer Atmosphäre

Das Theater am Olgaeck betont in der neuen Spielzeit mit englisch­sprachigen Gastspielen seinen multikulturellen Anspruch

Von Nils Mayer

Das Theater am Olgaeck (TAO) hat es nicht leicht. ln der Nachbarschaft von einem Sexshop und einer Kampfsport­schule liegt es versteckt in einem lnnenhof. Vorne, an der Charlottenstraße, weist nichts auf das schnucklige Theater hin. Das schwarze Aluminium­schild mit weißen und roten Buchstaben, das an der Gebäudefront auf die Kultur­ein­richtung hinwies, hat der neue Gebäudebesitzer im Frühjahr abgenommen. Und im Innenhof gibt's ebenfalls kein Schild mehr, ein Bagger hat es bei Belagarbeiten im August mit seiner Schaufel aus Versehen abgerissen.

Theaterleiterin Nelly Eichhorn nimmt's mit Galgenhumor: „Wir sind halt ein Geheimtipp”, sagt sie. Da komme es auf das Schild nicht an. Die engagierte und warmherzig wirkende Intendantin und Puppen­spielerin ist das Gesicht des kleinen Theaters – und ein Tausendsassa. Mal führt sie Regie, mal steht sie am Lichtpult. Und sie ist es auch, die sich um die Bestuhlung kümmert und die Toiletten oder Fenster putzt. Es gibt eigentlich keine Aufgabe im Theater, die Eichhorn nicht selbst schon mal übernommen hat.

Seit 2004 betreibt sie das TAO – mit viel Improvisation und Herzblut. Anfangs hatte die Frau mit den georgischen Wurzeln große Schwierigkeiten, bekannter zu werden und Publikum anzulocken. Viele verbanden mit Nelly Eichhorn nur ihr Marionettentheater. „Bei vielen Vorstellungen von Anton Tschechows ‚Heiratsantrag’ hatten wir gerade mal zwischen zwei und vier Personen im Zuschauerraum sitzen”. erinnert sich Eichhorn: „Das war eine katastrophale Phase.” Eine, in der sie darüber nachdachte, das Theater wieder zu schließen.

Inzwischen hat sich ihre Spielstatte etabliert – trotz bescheidener Mittel. „Wir haben kein Geld für aufwendige Produktionen”. erklart sie. Die Intendantin inszeniert oft selbst und setzt auf Nachwuchsschauspieier oder Menschen die zwar eine Schauspiel­ausbildung absolviert haben, mittlerweile aber in anderen Berufen arbeiten. „Die Schau­spieler kommen sehr gerne zu uns. Woanders müssen sie warten, bis sie mal einen Satz sagen dürfen. Bei uns bekommen sie Hauptrollen” sagt Eichhorn.

Mit dem oft osteuropäischen Programm und kleinen internationalen Festivals besetzt das TAO eine Nische in der Stuttgarter Kulturszene, die das Überleben sichert. Hinzu kommt, dass das Kulturamt der Stadt die Einrichtung immer wieder unterstützt – zuletzt mit neuen Stühlen. „Ich habe das Gefühl, dass wir unseren Platz gefunden haben und sehr akzeptiert sind”, sagt Eichhorn. Das Publikum sei in den vergangenen Jahren breiter geworden. Viele Migranten, darunter auch Flüchtlinge, kommen zu den Veranstaltungen. Jetzt weitet Eichhorn den Spielplan und arbeitet neuerdings eng mit Charles C. Urban und dessen New English American Theatre (NEAT) zusammen. Einmal pro Woche, immer donnerstags, gastiert das NEAT vom 1. Oktober [2015] an im Theater am Olgaeck mit Theater­vorstellungen, Lesungen, Gedichten und Live-Musik. „Immer mehr Leute haben nach englisch­sprachigen Stücken gefragt”, sagt Eichhorn. Die einen, weil Englisch ihre Muttersprache ist, die anderen, weil sie ihr Englisch als Fremdsprache wieder auffrischen wollen. Ihre Antwort darauf ist die Kooperation mit dem NEAT.

Noch ein Grund für viele, das TAO zu besuchen: die familiäre Atmosphäre. Die zeigt sich vor allem an Abenden, an denen die Gäste mit Regisseuren und Schauspielern bis weit nach Mitternacht an den kleinen Marmortischen im Foyer sitzen und sich unterhalten. Das Theater scheint für viele Menschen mittlerweile mehr als nur der Ort eines Schau­spiels zu sein ‐ es ist ein Ort des (interkulturellen) Austauschs. Auch eine russische und eine italienische Theatergruppe nutzt den Raum. „Das Theater wächst”, sagt Eichhorn. Bis zum Saisonstart will sie übrigens ein neues Schild im Innenhof anbringen. Damit neue Gäste den Geheimtipp auch finden.

Vom 1. Oktober [2015] an sind jeweils donnerstags, 20 Uhr, englisch­sprachige Gastspiele des New English American Theatre im Theater am Olgaeck (TAO) zu sehen. Anlässlich der S0 Jahre bestehenden Städte­partner­schaft zwischen Stuttgart und Cardiff zeigt das TAO vom 10. bis 15. November englisch­sprachige Filme mit Bezug zu Wales, darunter „Moby Dick”.
Nils Mayer




 
Stuttgarter Nachrichten – 18. Mai 2015

Stuhlgang gehabt

Schwabs „Die Präsidentinnen” im Theater am Olgaeck

Von Thomas Morawitzky

„Ach was, man muss die Worter sprechen, wie sie herauswollen, und die Feste muss man feiern, wie sie herabfallen”, sagt Grete. Sie ist eine der Präsidentinnen im bekanntesten Stück von Werner Schwab, dem drastischen Dramatiker der 1990er Jahre, jung verstorben und gefeiert. Im Theater am Olgaeck, getragen von drei grandiosen Darstellerinnen, wirkt es immer noch sprachgewaltig und obszön.

Anne-Kathrin Lipps ist Erna, die sehr sparsam ist, das Filterpapier durch Klopapier ersetzt und das Klopapier durch Zeitungspapier, und sie ist stolz auf ihre Pelzmütze vom Müll. Julia Alsheimer ist die frivole Grete mit dem Haarteil, die von Unzucht mit dem Tubaspieler Freddy träumt. Marnie Berger ist das Mariedl, die einfältige Heilige der Kloaken, die dem Klerus und dem Großbürgertum ohne Handschuh in die Schüssel greift und aus dem weichen Kot die Dose mit dem wunderbaren Gulasch holt, die der Pfarrer dort für sie versteckt hat.

Werner Schwab hat die Obszönität seiner Fäkaliendramen genau kalkuliert – Erna, Grete und Mariedl, diese heruntergekommenen Figuren, reden sich furios und mit großem Ausdruck eine Welt herbei, in der sie herrschend glücklich sind. In ihren Dialogen steigt der Stuhlgang derweil immer höher – bis die Anstrengung ins Groteske kippt.

Wenn Mariedl mit ihrem naiven Kinderblick davon erzählt, wie sie die Menschen glücklich macht, Greta mit feuchten Augen ihre ganze Liebe auf die Hündin Lydia wirft und Erna mit zitternden Lippen vom frommen Metzger Wottila und seinem Leberkäse schwärmt, kann das Publikum bald schon nicht mehr anders – es muss lachen.

Im Zentrum: Die Sprache – und drei wunderbare Präsidentinnen

Die Regisseurin Nelly Eichhorn beschränkt das Mobiliar ihrer Inszenierung auf einen Tisch und drei Hocker. Übrig bleibt die Sprache. Und es bleiben die drei wunderbaren Präsidentinnen in all ihrer schäbigen Pracht, die zuletzt gemeinsam singen: „Der Herrgott is a Schnellkochtopí, da wirst du ganz schnell weich, er kocht dir einen schweren Kopf und tröstet deine Leich.”
Thomas Morawitzky




 
Stuttgarter Nachrichten – 5. Oktober 2010

Eskalation bringt keine Erlösung

Premiere im Theater am Olgaeck mit Sartres »Geschlossene Gesellschaft«

Zwei schwarz bedeckte Polstermöbel, ein Stuhl. Kein Nippes, keine Blumen. In diesem puristischen Raum toben Leidenschaften. Belauert von Inés Furienblick, verknäulen sich Estelle und Garcin auf dem Boden ineinander, suchen durch Begehren Bestätigung ihrer Existenz.
Jean-Paul Sartres Klassiker zeigt drei Unbekannte, die sich gegenseitig ihre Lebenslügen präsentieren und noch als Tote um Orientierung in ihrem verlogenen Leben kämpfen. Doch an diesem Ort der Verdammten, des Ausgeliefertseins, der Hölle – das Fenster auf der Bühne ist zugeklebt, die Tür verschlossen, die Klingel außer Funktion gesetzt, der Kellner bleibt ein flüchtiges Wesen – brechen alle Dämme. Garcin ist ein Feigling, Estelle hat ihr Kind umgebracht, Inés starb im Gas.
„Abwesende” sind sie, suchen verzweifelt Kontakt zur Vergangenheit, demontieren sich seelisch und körperlich. Der schöne Schein, er muss zerbrechen. In symbolisch-reinweißer Unschuldsgarderobe und mit beachtlicher Bühnenpräsenz erspielen sich Katrin Röhlig als wortgewaltige Inés, Rosa Ma Paz als zartgliedrig-nervöse Estelle und Thomas Harke als intellektueller Garcin die ungeteilte Aufmerksamkeit des Premierenpublikums.
„Wir haben die Wahl”, unisono an der Bühnenrampe ins Publikum gesprochen, erweist sich als Illusion. Immer neue Eskalationen bringen keine Erlösung, nur das gnadenlose Weiterdrehen an der Spirale der Gewalt. Marcus Helms Inszenierung bringt Gesprächsstoff ins Publikum: Sartre bleibt auch tagespolitisch aktuell.
Brigitte Jähnigen


 
Kultur Szene – April 2010

Reichtum ist doof

Am Olgaeck: »Prah – Geld oder nicht Geld«
( Das Lottoglück )

Macht Geld glücklich? Plötzlich sind alle materiellen Sorgen weg. Der Traum vom großen Haus in bester Lage, vorn dicken Schlitten, von der Villa am Meer, nie mehr arbeiten müssen – all das scheint greifbar. So ein plötzlicher Lotto-Gewinn hat angenehme Seiten. Doch diese Freude währt nicht lange. Der ungarische Autor György Spirö lässt in seinem Einakter »Prah – Geld oder nicht Geld« die Stimmung schnell umkippen in Aggressionen, Eifersüchteleien und Vorwürfe. Also – macht Geld wirklich glücklich, oder richtet es moralische Schäden an?
Im Theater am Olgaeck findet diese Debatte in einer schlichten Wohnküche statt. Ein Fernseher steht vor einem verblichenen Sessel, ein älteres Sofa bildet das familiäre Zentrum, rechts sieht man einen spartanischen Esstisch: In der Inszenierung von Marcus Helm wird schon im Bühnenbild eine kleinbürgerliche, finanziell beengte Welt in postkommunistischer Sphäre gezeigt, in der die namenlose Ehefrau die ordnende Kraft ist. Nicht nur ist sie für den HausHalt zuständig, sie ist auch die Sparsame in dieser Familie, die ihren Mann maßregelt, wenn er mal wieder mit Freunden in die Eckkneipe geht. Sie hat auch kein Verständnis für die Wünsche der Kinder und ist bereit, sich alles vom Mund abzusparen.
Was anfangs noch sympathisch erscheint, kippt im Lauf des einstündigen Abends in immer offenere Aggression um; die mühsam aufrecht erhaltene Fassade bricht ein. Barbara Bernt macht den inneren Kampf der Frau durch eindrückliche Mimik deutlich. Gleich zu Beginn wundert sie sich über die gute Laune ihres Mannes, wird misstrauisch. Ihr Mann ist befremdet: »Ich dachte, du freust dich.« Auch seine Frau soll sich über seinen Lotto-Gewinn freuen; 600 Millionen ungarische Forint hat er gewonnen, ein kleines Vermögen, das Phantasien erlaubt – den Kauf einer Insel, den eigenen Gleisanschluss, Kabelfernsehen und gleich mal den Anschluss ans Gasnetz.
Die Frau allerdings kann sich über den plötzli­chen Geldsegen nicht freuen, ihr wird er zur Last, weil zu klein: »Normal sind doch Gewinne von über 2 Milliarden!« Dann will sie Beweise sehen, vergleicht die Zahlen auf dem Schein mit denen.im Videotext, immer neue Verstecke sucht sie für den kostbaren Wett­schein und driftet dabei ab in Negativphantasien. Einbrecher könnten kommen und den Schein stehlen, die Kinder könnten am plötzlichen Überfluss moralisch zerbrechen; die Leute von der Bank könnten ihren Reichtum öffentlich machen. Hinter allem wittert sie Verrat und Korruption. Alte Rechnungen kommen wieder auf den Tisch: Der Mann muss sich rechtfertigen für frühere Verfehlun­gen; mal hält ihm seine Frau die zeitweilige Arbeitslosigkeit vor, dann wieder, dass er Steuern hinterzogen hat. Er kontert, ihre angeblich so hilfsbereiten Verwandten hätten Wucherzinsen für einen Kredit verlangt. Da bricht es aus ihr hervor: »Ich wollte dich nie!« Im Spiel von Barbara Bernt zeigt sich all der Furor einer Frau, die trotz Abitur als Putzhilfe arbeiten muss und sich doch ihrem Mann überlegen fühlt. Günter Hänel spielt diesen unglücklichen Glückspilz als zurückhaltende graue Maus in abgetragener Kordhose. Seine Argumente klingen immer nur halbherzig, seine Euphorie ist pragmatisch grundiert.
Bevor aber die alte Ehe zerbricht, finden beide zu altgewohnter Mäßigung zurück. Das Geld muss weg, weil es nichts Gutes bringt. Es den Obdachlosen zu geben, ist aber auch keine Lösung, und so wird das wertvolle Los schlussendlich verbrannt. Ruhe und Frieden kehren im Haus ein, das Leben geht seinen gewohnten Gang, die Gefahr (»Wir werden keine Kapitalisten«) ist gebannt, und man wartet auf die Kinder, die bald von der Schule nach Hause kommen müssen. Eindeutig: Hier hätte das Geld kein Glück gebracht.
Markus Dippold


 
Kultur – Juni 2011

Wie gewonnen, so zeronnen

»Der Spieler« im Theater am Olgaeck


Hans-Peter Wilbert und Maximilian Rösler

Dass einer zwanghaft handelt und dadurch seine Freiheit verliert, sich Bedingungen ausliefert, die man, je nach Geschmack und Ideologie, das Schicksal, die Gesellschaft oder das Über-lch nennen kann, ist eine Steilvorlage für die Literatur. Und auf wen träfe das deutlicher zu als auf den Spieler, der seine Sucht nicht mehr zähmen kann. Arthur Schnitzler hat diesen Typus in seiner grandiosen Novelle »Spiel im Morgengrau­en« entworfen und Fjodor Dostojewski tat es sechzig Jahre zuvor in seinem für seine Verhältnisse kurzen Roman »Der Spieler«. Dabei konnte der Russe auf eigene leidvolle Erfahrungen zurückgreifen. Er hatte eben im Casino von Wiesbaden sein gesamtes Vermögen verspielt, als er seiner Sekretärin und späteren Ehefrau den Roman in einem Zug diktierte.
Dostojewski, der keine Dramen geschrieben hat, reizt immer wieder, schon lange vor der Mode der Romanadaptionen auf der Bühne, zu Dramatisierungen seiner Werke. Sie besit­zen zwei Voraussetzungen, die sie dafür ge­eignet erscheinen lassen: Sie haben meist eine spannende Handlung – und sie enthal­ten. Dialoge, in denen grundsätzliche Pro­bleme von mehr oder weniger philosophi­scher Bedeutung diskutiert werden. Aus dem »Spieler« hat Sergej Prokofjew sogar eine Oper gemacht. Bühnenfassungen für das Sprechtheater gab es schon mehrere, so erst kürzlich von Helmut Peschina am Landesthe­ater Nieder­öster­reich in St. Pölten.
Das einstündige Kondensat im Theater am Ol­gaeck kommt mit drei Darstellern aus. Neben dem großen, korpulenten Hans-Peter Wilbert, der den Croupier, die als Großmutter ange­sprochene Erbtante und ein paar kleinere Rol­len verkörpert, wirken Maximilian Rösler als Aleksej und Carolin Sophie Göbel als Polina fast wie Puppen; und wie ein Puppenspiel, sti­lisiert und zugeschüttet mit Musik von Sergej Rachmaninow, hat Vlad Grakovskiy die eigen­willige Bearbeitung auch inszeniert. Das Geld, das ebenso schnell verloren wie gewonnen wird, besteht aus Zeitungsfetzen: nichts weiter als Papier, dessen Wert bloß auf einer Übereinkunft beruht, die von heute auf morgen nicht mehr gelten muss. So ist das Glücksspiel stets auch eine Metapher für In­flation und Börsencrash. Was wir hier sehen, ist der Traum vom leichten Geld, das einem ohne die Anstrengung der Arbeit zufällt – ein Traum, der für einige Wenige damals, in der Gründerzeit, und auch jüngst wieder im post­sowjetischen Russland zur Wirklichkeit wurde.
Höhnisch grinst dazu hoch oben auf seinem Stuhl hinter dem roten und dem schwarzen Vorhang der Spielmacher, diese unheimliche Figur und Reminiszenz an die deutsche Ro­mantik. Wenn er die Kugel im Topfdeckel rollen lässt, bekommt das Roulette, das dieser Deckel ersetzt, eine symbolische Bedeutung, die über die konkrete Situation hinausweist. Während man drüben im Schauspiel auf Fritz Längs »Metropolis« rekurriert, darf man am Olgaeck an Dr. Mabuse denken. Schon Dostojewski hat, nicht zuletzt im Roman »Der Spieler«, über die Unterschiede zwischen Russen und Deutschen reflektiert. Davon ist in der Bearbeitung nur eine Spur geblieben. Eigentlich schade. Denn mit den ambivalenten Gefühlen russischer Schriftstel­ler gegenüber den Deutschen könnte man ganze Bücher und ganze Theaterabende fül­len. Man wird nicht nur bei Dostojewski fündig, sondern auch bei Gontscharow, bei Turgenjew, bei Tschechow, der übrigens in Badenweiler gestorben ist.

Thomas Rothschild


 
Kultur – Oktober 2009

Schmusen mit Hitler

Marcus Helm inszeniert »Eva Braun – Medea. Ein Bunkermärchen« am Olgaeck

Ein wütender Schrei. Das ist Medea, die Frau aus der Antike, die von ihrem Mann betro­gen wurde und darüber zur Kindsmörderin wurde. Ein hilfloses Jammern: Eva Braun, die Geliebte Adolf Hitlers. Was wäre, diese Frau­en träfen aufeinander, für ein paar Stunden nur? In einem Bunker, geschützt und einge­sperrt zugleich? Unsinn! Nein. Findet zu­mindest Karsten Stegmann, der die beiden für sein Stück »Eva Braun Medea« zusam­menführte, sie zu einer Frau machte, in deren Brust zwei Seelen schlagen.
2008 im Berliner Theater Eigenreich mit der Schauspielerin Sesede Terziyan und unter der Regie von Sebastian Klink erstmals auf­geführt, wagt sich rund ein Jahr später im kleinen Kellertheater am Olgaeck in Stutt­gart Marcus Helm an die Inszenierung des Stückes. Teilt die beiden Frauenschicksale, die Klink in seiner Uraufführung von einer Person darstellen ließ, in zwei Rollen auf (Medea: Stefanie Boettger; Eva Braun: Antje Brauner). Und wo der Autor Karsten Steg­mann im Titel seines Stückes aus zwei Namen einen machte, werden bei Marcus Helm daraus zwei durch einen Gedanken­strich getrennte: »Eva Braun – Medea«.
Also doch zwei ganz unterschiedliche Frau­en? Irgendwie ja, irgendwie nein. Das scheint die Antwort der Stuttgarter Auffüh­rung zu sein. Vereint, das sind die Frauen zu­nächst einmal optisch. Beide tragen Weiß, wie zwei Geister. Auch die sie umgebende Welt ist weiß. Wie eine Leinwand, die dar­auf wartet, bemalt zu werden. Doch hinter­lässt das Leben dieser beiden Frauen darauf eigene Spuren?
Oder ist ihr Handeln nur die Reaktion auf das, was ihnen durch Männer widerfährt – Medea durch ihren untreuen Gatten und Eva Braun durch ihren nie anwesenden Ge­liebten und Eintagesehemann? Während die Helm'sche Medea mit ihrem Gebrüll ein Symbol für aktive Wut ist, zeigt er mit seiner Eva Braun ein Opfer par excellence. Obwohl sie sogar tanzt, liegt über all ihrem Tun eine seltsame Passivität. Eva Braun wirkt mehr leblos denn lebendig, wie sie da im Bunker auf ihren »Wolfi« wartet, der mit Krieg, Ju­den­vernichtung und seinem Deutschland beschäftigt ist. Ihr ganzes Leben hat sie auf diesen Mann ausgerichtet. Begehrenswert findet sie ihn. Und wer begehrt, kann warten. Oder zu­mindest so tun, als ob er damit zurechtkä­me, dass sie ihn »nur noch aus der Wo­chenschau kannte«. Denn in Wirklichkeit verzehrt sich Eva Braun nach dem nie An­wesenden. Er ist ihr Gedankenspielzeug. Als Puppe sitzt er in Helms Inszenierung auf einem Stuhl. Wird gehätschelt, als wäre er echt. Sanft schmiegt Eva ihre Wange an die des Püppchens Hitler. Schmust mit ihm. Ab und an entrinnt ihr ein Seufzen. Wütend sein und vor Eifersucht brüllen wie Medea? Das kommt für sie nicht in Frage. Sie will, dem Wolfi nicht auch noch ihren Schmerz aufhalsen. Hat er doch so viel anderes, was ihn belastet. Da will sie ihm eine Freude sein. Eine First Lady mit schöner Wäsche, so wie er es mag. Die Rolle der Frau in ihren Augen: adrett sein für den Mann. So wichtig findet sie diesen Satz, dass sie ihn mitteilen muss. Nicht nur dem Publikum, sondern eben auch Medea. Zum ersten Mal im Stück nimmt sie an dieser Stelle zu der mythologi­schen Frauengestalt Kontakt auf. Auch ihr schmiegt sie sich in den Schoß, was Medea zu zärtlichem Streicheln anregt. Eine Geste des Vertrauens, des Verstehens eines ge­meinsamen Frauenschicksals vielleicht?
Noch häufiger gibt es im Laufe des Stücks solche Begegnungen zwischen den beiden. Am Ende bauen sich Medea und Eva gar ge­meinsam eine Art Boot. Fragen synchron, Rücken an Rücken: »Kannst du mir zeigen ein ewig treues Herz?« Es ist eine Frage, die sie dem Publikum und ihren Männern zu stellen scheinen, aber auch sich selbst. Wie sehr sind sie als Frauen füreinander da, wie stark ist ihre Solidarität? Die von Antje Brau­ner alias Eva gespielte Antwort ist traurig. Denn nicht ihrer Leidensgenossin Medea wendet sie sich mit ihrem letzten Satz zu. Der gilt Hitler, ihrem Ein und Alles.
Karin Kontny


 
Stuttgarter Nachrichten – 7. Juni 2011

Die Kraft einer Liebenden

Theater am Olgaeck zeigt „Antigone in New York”

Wer war Chopin? Keiner weiß es. Ein Pole. Alle hassen die Polen. Mit Klischees wie diesen konfrontiert der Autor Janusz Glowacki in seinem Stück „Antigone in New York”. „Blödes, weißes Polen­schwein”, setzt die Puertoricanerin Anita dem polnischen Emigranten Floh zu. Anita, Floh und der jüdischstämmige Russe Sascha hausen in einer Zwangsgemeinschaft gescheiterter Existenzen in New York.
Müll, leere Wodkaflaschen, Schlafsack, wenige Habseligkeiten im Einkaufswagen: Die Pleite ist auf der Bühne des Theaters am Olgaeck überzeugend illustriert. Dann stirbt Paul, der schweigsame Kumpel und Angebetete von Anita. Die Behörde hat ihn anonym verscharrt, die Emigranten, vor allem Anita, die Liebende, sind empört.
 

Leben der Emigranten in Armut: Szene aus „Antigone in New York” Foto: Olgaeck

Die Theaterleiterin Nelly Eichhorn hat ihre Schauspieler bestens konditioniert. „Sitzen Sie gut?”, herrscht der Cop das Publikum gleich zu Beginn des Dramas an. Gnadenlos distanziert („ich bin Bulle, kein Scheißphilosoph”) beschreibt er das Milieu der Obdachlosen. „Ich bin nicht verrückt, schaut mich nicht so an”, zetert Anita in die Stuhlreihen. Ein wenig Verrücktsein und die Widerstandsfähigkeit einer Antigone sind aber nötig, um den Leichnam Pauls zu stehlen und ihn im Park würdig zu begraben.
Nun hat Glowacki, Pole und Emigrant, den antiken Stoff neu bearbeitet und die Grundaussage der Antigone in die Gegenwart übertragen. Eichhorns Inszenierung hat dramaturgische Substanz und Tempo und zieht auch junges Publikum an.
von Brigitte Jähnigen


 
Stuttgarter Nachrichten – 26. November 2010

Geld, Macht, Liebe

„Der Filderpate”
am Theater am Olgaeck


An Ideenmangel leidet dieser Mann nicht. Panzersafaris, U-Boot-Jagden auf weiße Haie, Musical-Halls – egal, was ihm in den Sinn kommt, ein Steuersparmodell für viele Anleger muss es sein. Zukunfts­orientiert schreitet er die kleine Bühne im Theater am Olgaeck ab, wendet sich im Businesslook oder was er dafür hält (hel­ler Anzug, die Stirnglatze durch ein Na­ckenschwänzchen sublimiert, den kleinen Finger ziert ein Brilli) ans Publikum, ora­kelt über das Phänomen Geld. „Geld gibt Macht und Freiheit, braucht Liebe und Fantasie wie eine schöne Frau.”
Einer Schulklasse nicht unähnlich, hö­ren die Zuschauer dem Monolog des „Fil­derpaten” zu, dem Ferdinand Rother ein nassforsch-überzeugendes Auftreten gibt. Jede Menge Deja-vus veranlassen zum Flüstern, zu klammem oder hämi­schem Lachen, halblauten Kommentaren. Mancher verlässt nach der Pause das Theater. Der „Filderpate”, darüber gibt nicht nur die Buchvorlage von Roland Kugler, sondern auch einige Tageszei­tungsausschnitte im Theaterfoyer Aus­kunft, ist angelehnt an die stadtbekannte Persönlichkeit Rolf Deyhle. „Es kommen viele Zuschauer, die die Geldvermeh­rungs-Euphorie jener Tage teilten. Heute haben sie Abstand dazu”, sagt Regisseu­rin und Theaterchefin Nelly Eichhorn. „Wenn Sie Geld nicht in Bewegung set­zen, ist es irgendwann aufgefressen”, lässt Ferdinand Rother seine literarische Figur sprechen. Steuern sparen, Beziehun­gen pflegen: Dazu gibt es im Theater jetzt eine amüsante und konkrete Anleitung.
von Brigitte Jähnigen


 
Kultur Szene – Oktober 2009

Muss Schwejk böhmakeln?

Zum fünften Geburtstag des Theaters am Olgaeck

Der Weltliteratur verdanken wir Figuren, die zum Prototyp für einen bestimmten Charak­ter, eine bestimmte Haltung wurden. Don Quijote steht für den wirklichkeitsfremden Träumer, Tartuffe für den Heuchler, Don Juan für den sexuellen Freibeuter, Faust für den nach Erkenntnis Strebenden. Der brave Soldat Schwejk ist die Verkörperung des ein­fachen Mannes, der mit einer dumm sich stellenden Schlauheit unangenehmen Situa­tionen, insbesondere den Tücken des Mili­tärdienstes, entgeht. Viele stellen ihn sich vor wie Heinz Rühmann. Dabei sieht der ganz anders aus als ihn Josef Lada in seinen Originalillustrationen entworfen hat, die ei­gentlich den gleichen Stellenwert haben müssten wie Wilhelm Buschs Max und Mo­ritz, George Cruikshanks Oliver Twist oder John Tenniels Alice. Aber Schwejk ist, jeden­falls außerhalb Tschechiens, auch Menschen vertraut, die das Buch von Jaroslav Hasek nie in der Hand gehabt haben, ja vielleicht nicht einmal seinen Namen kennen – und sie dürften die Mehrheit bilden.
Schwejk gilt als Inkarnation des böhmischen Nationalcharakters. Das ist natürlich ebenso Unsinn – oder sagen wir: eine Vereinfa­chung –, wie wenn man den Herrn Karl als österreichischen oder Rasputin als russi­schen Nationalcharakter interpretiert. Rich­tig ist, dass die historischen Wurzeln der Ei­genschaften, mit denen Hasek seinen ple­bejischen Helden ausgestattet hat, in der Si­tuation der Tschechen innerhalb der öster­reichisch-ungarischen Monarchie liegen. So betrachtet ist Schwejk ebenso »böhmisch«, wie Peer Gynt »norwegisch« ist, wie Philip Roths oder Woody Allens Protagonisten »jü­disch« sind. Die Geschichte hinterlässt ihre Spuren nicht nur im Personal des wirklichen Lebens, sondern auch der Künste.
Thomas Rothschild


 
Stuttgarter Nachrichten – 17. Dezember 2009

„Wir werden wohl überall Erfolg haben”

Schauspielkunst mit 80 Prozent Auslastung – aber keine öffentliche Förderung: Das Theater am Olgaeck wird fünf Jahre alt

Ein neues Theater war ihr Traum. Ein Theater, das Antwort geben soll auf gesellschaftlich-politische Entwicklungen in Ost und West. Dafür ist Nelly Eichhorn vor fünf Jahren in Stuttgart angetreten. Jetzt sagt die in Georgien geborene Theaterchefin: „Wir freuen uns über unseren sensationellen Erfolg von 80 Prozent Auslastung.”
Theaterproduktionen aus Russland, Polen und Rumänien hätten internationale Farbe in die Stadt gebracht, im Westen eher wenig bekannte Autoren wie Andrzej Stasiuk und Daniil Charms stünden im Repertoire. Zu Kulturfestivals, Autorenlesungen und musikalischen Abenden seien in Stuttgart lebende Migranten gekommen, die in ihrem Leben vorher noch nie im Theater waren.
Auch das neugierige deutsche Publikum fühle sich hier zu Hause. Nur leider, so Eich­horn, hätten das bisher weder die Stuttgarter Kulturverwaltung noch die örtlichen Gemeinderäte bemerkt: „Alle Anträge auf finanzielle Unterstützung wurden ignoriert, wir wirtschaften aus eigener Tasche.” – „Wir wollen nichts Neues” habe die offizielle Antwort aus dem Rathaus geheißen.
Doch könne man die Entwicklung bremsen? „Die Wirtschaft stagniert, die Korruption floriert, die Macht liegt in den Händen eines Kaspers, also planen wir jetzt passend zur wirtschaftlichen Situation den ‚Revisor’ von Nikolai Gogol”, lächelt die Theaterbesessene fein. Auch in der aktuellen Produktion von Jaroslav Haseks „Der brave Soldat Schwejk”, bei der Nelly Eichhorn Regie führt, spielt die große Politik mit.
„Mit dieser Inszenierung begrüßen wir 20 Jahre Städtepartnerschaft Stuttgart-Brünn und finden in den wunderbaren Texten eines bauernschlauen Soldaten Assoziationen zu jedem Krieg – auch dem in Afghanistan”, sagt die Regisseurin. An der kalten Pfeife nuckelnd, tapst Ferdinand Rother als Schwejk über die Bühne – ein geselliger Säufer, einer, der mit hartem böhmischem Akzent sagt: „Ich denke überhaupt nicht, weil das einem Soldaten beim Militär verboten ist.”
Dennoch gibt er den totalen Kriegsverweigerer. Schwejks Pfeife hat die Theaterchefin auf dem Stuttgarter Herbstflohmarkt gefunden. Als sie zahlen wollte, winkte der Verkäufer ab. „Ich kenne Ihr Theater, ich war schon öfter da, Sie haben immer gutes Schauspiel”, habe der Mann sein Geschenk begründet.
Die gelernte Journalistin, die vor der Wende in Ostberlin lebte und nach der Wende in Lexington/Kentucky „Nelly's Pup­pet Theatre” gründete, liebt ihr Publikum. An der Überzeugung Anton Tschechows („Theater muss sein!”) festhaltend, hob sie in diesem Sommer in der Ruine der Berliner Klosterkirche in unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz ihr „Sommertheater am Alex” aus der Taufe. Und rannte damit, wie sie sagt, „offene Türen bei den Berliner Kulturbehörden” ein. Gespielt wurden Molieres Lustspiel „Die Gaunereien des Scapino”, Anton Tschechows „Möwe” und für das Publi­kum von morgen das Kinderstück „Herr Sturm und sein Wurm”. Das Selbstbewusstsein sei seitdem gewachsen, gesteht Nelly Eichhorn. Und lächelt wieder fein: „Wir werden wohl überall Erfolg haben.”
Brigitte Jähnigen


 
Stuttgarter Nachrichten – 19. Oktober 2009

Theater, Tango und Totenfeier

Platz ist in der kleinsten Hütte, und Buenos Aires liegt im Norden – ein Streifzug durch die Stadt bei der Stuttgartnacht

Meine Stuttgartnacht ist lang und durchgeplant: um sieben im Wohnwagen sitzen, eineinhalb Stunden später auf dem Heslacher Friedhof feiern, bevor es via Rathaus in die Wagenhallen geht. Doch bei meinem kulturellen Streifzug durch die Stadt merke ich: Die Nacht ist deutlich kürzer, als man denkt – und weniger ist wie so oft mehr.

18.55 Uhr: Mein erstes Ziel ist das Theater im Wohnwagen in Degerloch. Am Gustav-Siegle-Haus steige ich in den Bus und genieße wenig später den Blick von der Haußmannstraße in den hell erleuchteten Kessel. Der Busfahrer stellt fest, dass seine Sprechanlage nicht funktioniert. Bei jedem Stopp dreht er sich um und brüllt uns den Namen der Haltestelle zu, was dazu führt, dass ihm immer der ganze Bus antwortet.
Wobei es nur zwölf Fahrgäste sind. Aber die fangen bald an, sich auszutauschen. Wo es jetzt hingeht und was die Nacht noch bringen soll. „Bei der Stuttgartnacht muss man niemanden im Schlepptau haben, man findet immer jemanden zum Reden”, sagt eine Frau. Für mich die erste neue Seite, die ich an diesem Abend an Stuttgart entdecke.

19.15 Uhr: Es ist eine Karre. Baujahr 1984, gelb dort, wo kein Rost sie ziert, das Berliner Nummernschild hängt schief, die Fens­ter sind beschlagen. Eine Rostlaube im schicken Degerloch, das finde ich sympathisch. Etwa 20 Leute stehen bereits Schlange vor dem Theater im Wohnwagen. Ich lerne, wie man elf Personen in einen VW Caravelle bekommt: Tür auf, Leute rein, Tür zu. Nein, ich kann mich nicht auf den Beifahrersitz setzen, erklärt mir einer der beiden Darsteller. „Der ist Teil der Bühne.” Und so hocken wir dicht an dicht in dem von einer Lichterkette erhellten Gefährt. Die hübsch-hässlichen Ansichtskarten aus Polen passen zur Dudelmusik. Zur Begrüßung bekommt jeder einen Wodka. Als Vertreter der Presse wird mir gleich die ganze Flasche angeboten, ich lehne dankend ab, wir rufen „Nastrovje!” und legen synchron den Kopf in den Nacken. Dann geht's los. Die zwei Schauspieler zeigen einen Ausschnitt aus dem Stück „Emigranten” des polnischen Autors Slawomir Mrozek.
Auf der Suche nach Freiheit und Glück in einem fremden Land leben und streiten sich der politische Flüchtling AA und der Arbeitsemigrant XX in einem gammeligen Wohnwagen über fehlende Fliegen, eine Tasse Tee und Hundefutter. Zwischendurch reißt AA die Tür des alten Caravelle auf, springt nach draußen, um dort kurz die Freiheit des neuen Landes zu genießen. Am Ende des Stücks wird er mit seinem Leben scheitern, und XX, der eigentlich nur Geld verdienen und dann nach Hause zurückkehren wollte, wird seine Heimat nie mehr wieder sehen. „Mir hat es gut gefallen”, sagt eine Zuschauerin. „Es war unterhaltsam und so schön familiär.” Die nächsten Gäste steigen ein, die Wagentür fliegt zu, und ich nehme den Bus nach Süden.
Marion Busacker



 
Stuttgarter Zeitung – 19. Oktober 2009

Selbst im Campingbus ist Platz für Theater

Kulturnacht 14.000 Besucher erkunden das vielfältige Programm von Schauspielbühnen, Galerien, Kirchen und Clubs.

… Der Gelenkbus schlängelt sich hinauf Richtung Bopser, vorbei am kleinen Amateur- und Zimmertheater, an Kunstakademie, Wortkino, Sternwarte und Villa Reitzenstein. Dann heißt es aussteigen. Mit dem Aufzug geht's jetzt noch 144 Meter hinauf zum höchsten Spielort des Abends. Auf dem Fernsehturm macht Magier Thorsten Strotmann vor den Augen des Publikums aus einem 50-Euro-Schein einen Fünfhunderter. Es folgt das bewährte Handwerkszeug eines Zauberers: Ringe, Seil, Spielkarten, Becher – alles gekonnt und sympathisch vorgetragen.
Am Fuße des Turms wartet das kleinste Theater der Stadt: ein alter, postgelber VW-Bus. 252.000 Kilometer zeigt der Tacho. Hinten gibt es eine zweireihige Tribüne aus Holzbrettern. Die Plätze sind begehrt. „Der Rekord liegt bei elf Zuschauern”, sagt Schauspieler Thomas Weppel, der mit seinem Kollegen Michael Hecht im Halbstundentakt einen Ausschnitt aus dem Stück „Emigranten” des polnischen Dramatikers Slawomir Mrozek aufführt.

Ganz nah dran an der Kultur

„In einem kleinen Raum irgendwo”, lautet die Ortsangabe in der Beschreibung des Dramas. Tür zu. Die Frontscheibe beschlägt sich, während die Protagonisten, ein intellektueller politischer Flüchtling und ein ungebildeter Gastarbeiter über das Leben sinnieren. Im Stück wird auch Wodka getrunken – Alkoholdämpfe umgeben das Publikum. So nah rückt einem ein Schauspieldrama selten auf die Pelle. Wieder draußen an der frischen Luft zeigt sich Birgit Rismondo begeistert. „Das war der Höhepunkt.” Das Konzept der Kulturnacht sei gelungen. „Selbst wenn man super kulturinteressiert ist und die Stadt bereits gut kennt, lernt man noch immer Neues kennen.” Neben ihr an der Bushaltestelle steht Elke Barth und pflichtet bei: „Das macht Appetit auf mehr.”
Christian Klenk


 
Ludwigsburger Kreiszeitung – 2. Oktober 2009

Unbändige Lust auf Neues und auf die Schauspielkunst

Nelly Eichhorn kommt im Stuttgarter Theater am Olgaeck ohne öffentliche Förderung aus – Gute Auslastung


Kann kaum die Füße stillhalten: Nelly Eichhorn.

Stuttgart – Vor genau fünf Jahren öffnete sich im Theater am Olgaeck zum ersten Mal der Vorhang. Die Direktorin Nelly Eichhorn hatte sich ihren Wunsch erfüllt und ein eigenes Theater gegründet. Ohne öffentliche Förderung hat sie bis heute durchgehalten.

Mehr noch: Ihr Haus hat sich in diesen fünf Jahren den Ruf erworben, gutes, anspruchsvolles Theater zu bieten. Neu im Programm ist derzeit der „Brave Soldat Schwejk”
Nelly Eichhorn ist in Georgien geboren und in der Hauptstadt Tiflis aufgewachsen. Ihre Vorfahren stammen aus Armenien. Sie lebte vor der Wende neun Jahre lang in der DDR, kam nach dem Mauerfall nach Stuttgart, wo sie mit ihrem Ehemann, einem „richtigen Schwaben” wie sie sagt, und ihren Kindern lebt.
Dreizehn Berufe hat sie im Laufe der Jahre ausgeübt, sie schrieb Kritiken, kam zum Film und schließlich ans Theater, aber sie hat auch Kochkurse geleitet und sich mit der russischen Geschichte befasst. Aber das Theater hat sie fasziniert und so spielte sie auch in Stuttgart Marionettentheater, ehe sie ihr eigenes kleines Schauspielhaus gründete.
Zur Einweihung des Theaters am Olgaeck wurde gleich die Städtepartnerschaft der Landeshauptstadt mit dem tschechischen Brünn gefeiert. Seither hat Nelly Eichhorn beste Kontakte nach Tschechien. Die osteuropäische Literatur hat es ihr angetan. Das schlägt sich auch im Spielplan nieder.
Der Anfang war sehr schwer. Nur selten waren die 100 Plätze, die das Theater bietet, einigermaßen gefüllt, Nelly Eichhorn, obwohl sie eine harte Kämpferin ist, dachte ans Aufhören. Zumal ohnehin jedes Jahr aufs Neue die Diskussion in der Familie geführt wurde, ob Mutter weiter Theater macht oder sich doch mehr um die Familie kümmern solle. Die Entscheidung, so lächelt sie vielsagend, fiel immer fürs Theater aus.
Das ist nach wie vor mehr persönliche Ausbeutung denn Einnahmequelle. Zwar bekommen der Schauspieler und Mitarbeiter Gagen und Entlohnungen, wie sie an anderen kleineren Theatern üblich sind, für die Intendantin bleibt aber oftmals kein Geld übrig, denn eine Förderung durch die Stadt hat sie bis heute nicht bekommen. „Ich bin ja durch meinen Mann versorgt”, grinst sie. Und die Frage, wie der dazu steht, beantwortet sie listig: „Er weiß, dass es für ihn günstiger ist, wenn ich im Theater arbeite statt auf der Königstraße einkaufen zugehen”.
Trotzdem drückte der ausbleibende Erfolg beim Publikum auf die Stimmung. Bis zu jenem Silvestertag, an dem „Dinner for One” auf dem Spielplan stand. Morgens um halb acht hätten Nachbarn sie zu Hause angerufen. „Nelly, vor deinem Theater steht eine lange Menschenschlange”. Sie eilte hin in der Sorge, es sei etwas passiert. Aber diese Menschen wollten alle in die Vorstellung, standen um Karten an.
Der Erfolg blieb keine Eintags­ oder gar Neujahrsfliege. Heute kann Nelly Eichhorn stolz auf eine 80-prozentige Auslastung verweisen, gut 12000 Besucher sehen jährlich ihre Aufführungen, sie kooperiert mit den Ludwigsburger Schlossfestspielen und das Theater ist ein Zentrum für kulturellen Austausch geworden. Und weil es so schön ist, etwas aufzubauen, und so langweilig, wenn im Sommer Theaterferien sind, hat Nelly Eichhorn in Berlin eine Sommerdependance ersöffnet, das „Theater am Alex”.
Arnim Bauer


 
Kultur Szene – Februar 2009

Schnee drüber

Agatha Christies »Mausefalle« im Theater am Olgaeck


Sein Akzent changiert zwischen harten russischen Konsonanten und charmantem französischen Singsang. Dieser Mann, der aus der Kälte kam und der sich Mister Paravicini nennt, könnte es gewesen sein. Oder war es der kindische Luftikus Christopher Wren, der mit leerer Tasche in der kleinen englischen Pension »Mausefalle« eingecheckt hat? Mit leichtem Gepäck reist auch die unnahbare und burschikose Miss Casewell, die sich durch ihre diversen Anspielungen verdächtig macht. Nicht nur beim ruhigen Major Metcalf unbeliebt gemacht hat sich dagegen die alte Mrs. Boyle, die im muffigen Ladylook einen Eichhörnchenpelz am Kragen trägt – bis ihr einer die Hände um den Hals legt und zudrückt. Schließlich gab es ein schlechtes Omen: Zuvor war ja auch schon die Telefonleitung tot.
Zwei Morde gehen in Agatha Christies Kriminalkomödienklassiker »Die Mausefalle« auf das Konto eines Triebwürgers, der sich im neu eröffneten Hotel der patenten Molly Ralston und ihres Biederehemanns einquartiert haben soll. Einen dritten hat der Täter angekündigt. Doch der angereiste Sergeant ist in Wirklichkeit keine todsichere Schnüfflernase wie Miss Marple. Als Aufklärungsarbeiter gleicht dieser Detective Trotter eher einem schwerfälligen Dorftrottel, als Pseudopolizist tut er am Ende alles andere als seinen Job. Immerhin: der Naturbursche kommt auf Skiern in der komplett einge­schneiten Pension an.
Eine schönere Kaltfront hätte man sich im Theater am Olgaeck nicht wünschen können. Draußen friert es und drinnen bollern die Heizkörper auf höchster Stufe. »Schnee drüber«, rät Christopher leichthin der verbitterten Miss Casewell. die sich daran erinnert, als Kind misshandelt worden zu sein. Ihr Bruder wurde damals vor ihren Augen sogar zu Tode gequält von der Pflegemutter, einer Farmerin, die nun als erste dem ominösen Mörder zum Opfer fiel. Letztlich haben aber alle, die in der mit gelben Tapeten und pluschigen Ohrenbackensesseln eingerichteten Mausefalle sitzen, ein Motiv. So ist das bei Christie üblich. Da beißt die Maus keinen geschickt eingefädelten Faden ab.
Mit steif und behäbig wirkendem Mobiliar hat der Regisseur Marcus Helm die Bühne ausgestattet. Weitgehend betulich wirkt denn auch das Katz- und Mausspiel auf der Bühne. Miles Pitwell gibt als clownesker Chaot Christopher den Publikumserschrecker. Bianca Sarah Kreiß bekommt als blasse Pensionswirtin Molly vor bassem Erstaunen kaum den Mund zu. Und Roland Blessing als Sergeant wirkt im unspektakulären Showdown, als würde er sich lieber in einem Mauseloch verkriechen. Allein Vlad Grakovskiy als anzüglicher Paravicini verleiht dem Treiben im Schnee bis zum Schluss eine mysteriöse Note. Nicht zuletzt deshalb, weil er unheimlich mit den Augen rollen kann.
Teresa Bast


 
Stuttgarter Zeitung – Dezember 2008

Tschechow im Theater am Olgaeck

Wohin die Liebesglut fällt

Hauptsache Weib, Hauptsache Mann. Immer noch besser, als sich allein durchs Leben zu quälen: Ein Happy End ist garantiert, wenn Nelly Eichhorn Anton Tschechows inhaltlich etwas dünne Schwänke „Der Bär” und „Der Heiratsantrag” im historisierenden Bühnenambiente inszeniert. „Lebendig begraben, aber nicht vergessen zu pudern”, kommentiert ein Gläubiger in „Der Bär” die ach so untröstliche Witwe. Doch auch ihm fährt – nach beiderseitig nicht nachlassenden Verbalattacken und reichlich Wodkagenuß – ausgerechnet beim Pistolenduell die Liebesglut in die Eingeweide. Sprachlos, atemlos vor unterdrückter Körperlust fallen beide einander in die Arme.
Eine Maskerade übersteigerter Liebes­sehnsucht liefern sich auch die Protagonisten im zweiten Teil des unterhaltsamen Abends. Natascha, mit 35 bereits „imgewissermaßen kritischen Alter” und zugegeben ein kaum zu übertreffendes weibliches Exemplar von Streithammel, reizt in „Der Heiratsantrag” ihren Künftigen zu einem erbitterten Besitzstandsstreit. Wenig schlau – fielen doch die umstrittenen Ochsenwiesen nach einer Hochzeit ohnehin als gemeinsames Erbe an –, gerät das Ziel bei so viel Ego­manie auch dann aus der Schußlinie, wenn Natascha in einer Art Schlichtungsstrategie ihre properen weiblichen Reize ins rechte Licht rückt. Es ist wunderbar, wenn im Theater herzerfrischend gelacht wird. Doch Anne Weidemann, Gabriele Weller, Vladislav Grakovskiy und Reinhold Hager als komödiantisches Schauspieler-Quartett rücken gelegentlich mit allzu übersteigerten Posen Tschechows Figuren in die Nähe von Karikaturen.
Brigitte Jähnigen


 
Stuttgarter Nachrichten – 15. Dezember 2008

Mord ist (k)ein Spaß

… und als Handlungsort ein von der Außenwelt abgeschnittener Landsitz mit illustren Bewohnern: Das ist der Stoff, aus dem sich Kriminalträume spinnen lassen. So auch im Theater am Olgaeck, wo Agatha Christie gespielt wird und die „Mausefalle” letztendlich doch über dem wahren Bösewicht zuschnappt.
Die freie Truppe um Marcus Helm (Regie) kredenzt auf mehreren Ebenen nach anfänglichen dramaturgischen Längen (der Text hätte Kürzungen gut vertragen) spannende Unterhaltung. Mit einem markerschütternden Schrei (Bianca-Sarah Kreiß als Pensionswirtin hat soeben eine Leiche entdeckt) in die Pause entlassen, fiebern die Zuschauer im zweiten Teil mit. Auch der hohe Bekanntheitsgrad des Klassikers ändert nichts am Bühnenspaß mit aktuellem ernstem Hintergrund: …
Brigitte Jähnigen


 
Kultur – November 2008

Herzhafte Groteske

Andriej Stasiuks »Nacht« im Theater am Olgaeck

Polen und Deutsche haben es immer noch schwer miteinander. Nach den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg war schon die sozialistische »Völker­freund­schaft« zwi­schen den Nachbarn DDR und der Volks­republik Polen nur eine von oben ver­ordnete und also ziem­lich herzlose. Womit wir schon beim Thema sind; denn Herzlosig­keit kann ein Anfang zu Besserem sein, wie uns Andrzej Stasiuk in seinem Theaterstück »Nacht« ab­solut glaubhaft versichert.
»Sie nahmen einen ordentlich schweren Wagen und fuhren ein­fach durchs Schaufenster rein.« Sie, das sind Polen, spezialisiert auf Autoklau und Juwelierladen­einbruch in Deutschland. Die bei­den leichten Mädchen, die an der Straße stehen und sich gegensei­tig kritisch beäugen – wie hoch die Absätze, wie kurz der Rock, wie üppig der Schmuck? – wis­sen, wann die Jungs zurück sein müssen und was für sie dabei he­raus­springt. Zwei Kumpels, die einen Dritten erwarten, leisten ihnen Gesellschaft. Es ist dunkel, man tanzt und geht die Vorzüge deutscher Automarken durch. Dann fällt ein Schuß. Einen der Polen hat es getroffen.
Die beiden Männer schicken die Frauen weg, werfen ein schwarzes Tuch über ein Krankenbett und vollziehen die Totenklage nach ihrer Art mit Wodka und munterem Vergleichen zwischen den Nachbarn im Osten und Westen. Da sind die Russen, die keine Hemmungen haben beim Töten und es zufrieden sind, keine guten eigenen Autos zu haben; und da sind die Deutschen mit Daimler und BMW und einem Mordsrespekt vor den Russen. »Sie glauben, sie können alles auf der Welt. Aber Russe sein können sie eben nicht…« Als sich die Män­ner volltrunken zurückziehen, kommen zwei alte Frauen, die große Töpfe säubern und sich dabei ihre Geschichten von und mit Deutschen und Russen erzählen.
Im Theater am Olgaeck gibt Regisseur Vla­dislav Grakovskiy, der auch bei der Urauf­führung 2005 im Düsseldorfer Schauspiel­haus Regie führte, den Schauspielern kei­nerlei Requisiten an die Hand außer einer Krankenhausbahre auf Rädern. Die Bühne der deutsch-polnischen Beziehungen wird begrenzt von den Sitzreihen des Publikums – Stasiuks Plot beschreibt sie auf der unters­ten Etage. Den Schuß, den hatte ein Juwe­lier abgegeben, als er ein Auto ins Schaufenster seines Ladens krachen hörte. Und die Aufregung über das Tohuwabohu, das die Polen in seinen Gold- und Brillantenaus­lagen angerichtet hatten, ruinierte seine Pumpe – angesagt ist jetzt eine Herztrans­plantation.
Szenenwechsel: ein deutscher Operations­saal. Als Ärzte und Schwestern ihre Arbeit beginnen wollen, wacht der Juwelier auf, erkundigt sich nach dem Spender, und alle Schleusen seiner Slawen-Phobie brechen auf. Laut polternd – dem verehrten Publi­kum zuliebe in breitem Schwäbisch – ver­langt er ein anderes Herz, ein deutsches, zur Not auch ein schwedisches oder holländisches. Erst die Versiche­rung, der Spender sei ein polni­scher Germanist, kann ihn beruhigen. Derweil hat der von sei­ner akademischen Beförderung nichts ahnende Spender eine Be­gegnung mit seinem Schutzen­gel, Typ Polizistin in Weiß. Als sie ihm Vorwürfe macht und Buße verlangt, bricht's aus ihm heraus: »Ich habe getan was alle tun. Ich habe begehrt und meine Begier­de befriedigt. Ich habe Polizisten, Journalisten und Versicherungs­gesellschaften mit Arbeit ver­sorgt.« Eine Medaille von Merce­des, BMW und Opel habe er ver­dient. Dann bittet er sie, ihn ein letztes Mal zu beseelen.
Mit Erfolg. Wundersam, was nach erfolgreicher Transplantation das polnische Chaotenherz im Körper des schießwütigen deutschen Ordnungsfanatikers bewirkt: »Sobald ich hier raus bin, schaff ich mir ne rote Corvette an.« Das Tauschprinzip »Westliche Autos und Brillanten für Organe aus dem Osten« gewinnt so ver­blüffend an Leben. Ein Herz und eine Seele sind der Regisseur und das Ensemble (in multiplen Rollen: Valerie Lillibeth, Bianca­Sarah Kreiß, Roland Blessing, Alexander Friedmann, Ferdinand Rother). Stasiuks »Nacht«: eine funkelnde Groteske, stellen­weise nah am Kabarett, von Herzen kom­mend und zu Herzen gehend.
Gabriele Hoffmann


 
Kultur – Januar 2008

Schwarzclown vor Weiß

Respektabel: »Die Möwe« im Theater am Olgaeck

Es ist vielleicht der genialste Schluss in der Geschichte des Dramas. Der verschlampte Arzt mit dem deutschen Namen Dorn bittet den Schriftsteller Trigorin, Konstantins Mutter, die Schauspielerin Irina Nikolajevna Arkadina, beiseite zu schaffen: »Die Sache ist die: Konstantin Gavrilovitsch hat sich erschossen…«
In der kleinen Kellerbühne am Olgaeck gibt es keinen Arzt, sondern nur einen namenlosen Clown, der alle Rollen außer den gestrichenen und den drei bereits genannten sowie Nina, der »Möwe«, spielt. Das ist ein starker Eingriff in das Stück. Das geht auch nicht immer auf, denn Tschechows Figuren lassen sich auch durch Jonglieren nicht auf einen Nenner bringen. Aber anders war das Stück wohl nicht zu besetzen. Am Olgaeck liebt man die Russen. Und man scheut auch nicht vor jenem Meisterwerk zurück, das so ziemlich jeder bedeutende Regisseur schon einmal inszeniert hat, das neben »Onkel Wanja«, den »Drei Schwestern« und dem »Kirschgarten« zum deutschen Repertoire gehört wie sonst nur noch die Dramen Shakespeares – und uns mit großen Schauspielern in Erinnerung ist.
Aber ein paar Abstriche muss man halt machen. Das Theater am Olgaeck hat nicht die Mittel und nicht die Möglichkeiten eines Staatstheaters. Dass es dennoch eine beachtliche Aufführung wurde, dass Tschechows »Möwe« in ihrer Substanz bewahrt und dass das Stück, wenn man von der stellenweise – auch stilistisch – problematischen Clowns-Lösung absieht, unter Verzicht auf Firlefanz umgesetzt wurde, ohne sein anhaltendes Geheimnis zu verraten, ist eine nicht gering zu schätzende Leistung. Sie verdankt sich nicht zuletzt Subtilitäten der Sprachregie, Nuancen der Intonation, die psychische Vorgänge akustisch nach außen kehren, hörbar machen, was die Figuren jenseits des Gesagten denken und fühlen.
Dafür steht der regieführenden Theaterleiterin Nelly Eichhorn ein bemerkenswertes junges Ensemble zur Verfügung: Esther Maaß als Nina; Torsten Hoffmann, hier fast der sentimentale jugendliche Held, als Konstantin; Diana Mayer als ichbezogene, ein wenig hysterische Arkadina und Mathias Weinhardt als der Clown, der auf dem Programmzettel »Theatermann« heißt. Einzig Vladislav Grakovskiy als Trigorin fällt dagegen ab. Er muss sich auf die Aussprache des Deutschen so sehr konzentrieren, dass ihm für Feinheiten der Mimik keine Energie übrig bleibt. Warum Nina Trigorin verfällt, warum sie sein Mittelmaß nicht durchschaut, macht er nicht begreiflich.
Manchmal wäre weniger mehr. »Ich bin ständig in Bewegung«, sagt die Arkadina – aber alle anderen sind es auch. Doch wenn man aus Angst vor der Langeweile der Zuschauer auch die Langeweile der Figuren, die Möglichkeiten von Pause, Langsamkeit und Stillstand unterschlägt, beraubt man Tschechow einer zentralen Dimension. Geblieben ist Tschechows (oder vielmehr Stanislavskijs) legendäres Weiß der Kostüme, mit dem das Schwarz des Clowns, der Arkadina im dritten und vierten Akt und der gebrochenen Nina im Schlussakt kontrastiert.
Am Anfang baut Konstantin seine improvisierte Bühne auf der Bühne auf und schwärmt, lange vor Peter Brook, vom »leeren Raum«. Am Olgaeck übernimmt man die Anregung und verzichtet auf Kulissen. Der Text selbst, den Nina dann rezitiert, wird als Parodie auf den Symbolismus inszeniert, um jedoch am Schluss ins Rührende gekehrt und dennoch ernst genommen zu werden.
»Die Möwe« ist ein Stück über defekte zwischenmenschliche Beziehungen, über Egozentrismus und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer Geschöpfe, über die enttäuschte Euphorie junger Menschen, den Stumpfsinn der Provinz und die Doppeldeutigkeiten der künstlerischen Existenzform. Tschechow hat hier viele der Themen durchdekliniert, die ihn immer wieder beschäftigt haben, und auch seine revolutionäre Dramaturgie der synchronen Abläufe, zumal im vierten Akt, realisiert. Das wird am Olgaeck erkennbar.
Nur eins noch. Bei aller Nachsicht für die Bescheidenheit des Programmzettels: den Namen des Übersetzers sollte man schon nennen. Es ist sein Text, den wir im Theater hören. Tschechow schrieb bekanntlich russisch. Am Olgaeck liebt man die Russen. Aber ohne die so selten bedankte Arbeit der Übersetzer blieben sie vielen ein spanisches Dorf.
Thomas Rothschild


 
Stuttgarter Zeitung – 2. Oktober 2007

Frühstück oder ein Kind?

„Das wundervolle Zwischending” im Theater am Olgaeck
Sie glauben, alles voneinander zu wissen. Und die Frequenz des zuerst lustvoll, dann mühsamer absolvierten Beischlafs ist sinkend: Anne (Anne Weidemann) und Johann (Dietmar Kwoka), die Hauptfiguren in Martin Heckmanns' Kammerspiel mit dem kitschigen Titel "Das wundervolle Zwischending", das Ben Millef fürs Theater am Olgaeck inszeniert hat, sind seit sieben jahren zusammen und wären ein Paar wie viele. Wären die beiden nicht Künstler. Deshalb, und weil ihnen sonst die Sozialhilfe gestrichen würde, transformieren sie ihre Routinereibereien in Kunst – sie wollen aus der Verzweiflung aneinander einen Experimentalfilm machen.
Ob sie mit ihrer Kreativ-Paartherapie einen Liebes- oder einen Horrorfilm hervorbringen, lässt Heckmanns offen, Der Berliner Autor („Schieß doch, Kauthaus”) zitiert den turbulenten Boulevard, lässt das Paar in kurzen Szenen aufeinandertreffen und in ihrer Schärfe erkennbar an Strindberg und Albees Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” geschulte Dialoge sprechen, wenn sie versuchen, aus ihrem Alltag zu den Beziehungsanfängen zu fliehen. Doch nicht einmal da können sie sich auf eine Geschichte einigen. Die Konsequenz? Sie fragen sich: „Machen wir Frühstück oder ein Kind?”
Ben Millef inszeniert die Wortwechsel in der zugemüllten Sozialwohnung temporeich zwischen Tisch und Bett, Wein- und Farbflaschen, Schmutz- und Reizwäsche. Anne Weidemann zeichnet ihre Figur forsch-energiegeladen und verletzlich zugleich, Dietmar Kwokas Johann ist ein tapsiger Verlierer, und Mathias Weimhardt lässt als dynamischer Mann vom Amt die Paarhändel zur inspirierenden menage à trois werden. Er bringt Dynamik ins Beziehungs- und Filmgeschehen. Denn das „Zwischending” ist, was es ist: ein Stück über Beziehungen und eines über Kunst, Künstler und Kommunikation.
ib


 
Foto: Honzera
Stuttgarter Zeitung – 28. August 2007

Arm aber sexy
Die Pläne des Theaters am Olgaeck für die neue Saison

Stuttgart – Knapp über 11.000 Zuschauer konnte die Leiterin Nelly Eichhorn in der vergangenen Saison in Nellys Puppentheater und bei den Erwachsenenvorstellungen in ihrem Theater am Olgaeck begrüßen. Diese Besucherzahl bewegt sich in etwa im gleichen Bereich wie jene beim Theater Rampe, im FITZ, im JES und in der Tri-Bühne. Doch während das JES in der vorvergangenen Saison mit 1,7 Millionen, die Tri-Bühne mit 0,9, die Rampe mit 0,7 und das FITZ mit 0,45 Millionen Euro öffentlichen Geldern bezuschußt werden, bekommt Nelly Eichhorn von Stadt und Land keinen Cent an institutioneller Förderung.

Nun ist es beileibe nicht so, daß bei Nelly Eichhorn Sozialneid aufkäme. Und es ist erst recht nicht so, daß die quirlige Theaterchefin hartes Arbeiten nicht gewöhnt wäre. Seit sie zur Spielzeit 2004/2005 ihr kleines Haus mit siebzig Plätzen am Olgaeck eröffnete, ist sie dort sozusagen das Mädchen für alles. Jetzt endlich haben sie eine Putzfrau einstellen können, demnächst soll stundenweise eine Sekretärin bei der Buchführung helfen. Bisher hat Eichhorn fast alles selbst gemacht. “Ich bin die bestqualifizierteste Putzfrau Stuttgarts”, sagt Eichhorn, die sieben Sprachen spricht, kokett. “Und wenn ich kein Geld für einen Regisseur habe, bin ich eben der Regisseur”, fügt sie hinzu.

Wenn sie sich jedoch angucke, was die großen subventionierten Theater allein für Werbung ausgeben, frage sie sich schon: “Wo ist die Relation?” Und wenngleich das Kulturamt ihr immer wieder kleinere Zuschüsse als Projektförderung gewährt hat, fragt sie sich, für wen sie die ganzen finanziellen Opfer bringe. Deshalb hat sie jetzt auch für ihr Haus, das mittlerweile den Status eines eingetragenen Vereins hat, eine institutionelle Förderung durch den Gemeinderat beantragt. Das allerdings klappt frühestens im Doppelhaushalt 2008/2009 – in der jetzt kommenden Spielzeit muß Nelly Eichhorn also noch ohne diese Gelder auskommen. Immerhin hat die Kulturgemeinschaft das Theater am Olgaeck im vergangenen Jahr in ihre Aboreihen aufgenommen. Das sei ein wichtiger Beitrag für die Kalkulation, sagt Eichhorn, die sehr froh darum ist.

In den drei Jahren des Bestehens haben sich die Besucherzahlen im Theater am Olgaeck von 482 über 2616 auf 5567 Zuschauer in der letzten Saison entwickelt, die Zahl der Vorstellungen wuchs von 22 über 76 auf 129, die Auslastung stieg auf knapp unter sechzig Prozent. Eichhorns zweites Standbein, Nellys Puppentheater, bescherte ihr in der vergangenen Saison mit seinem Kindertheater weitere 5500 Gäste. Seit letzter Saison gibt es auch noch das Dinner-Theater Friedenau. Gleichzeitig sind aber für das Theater, das kein eigenes festes Ensemble hat, auch die Kosten gestiegen – von rund 88.000 Euro im Jahr 2005 auf 130.000 Euro im Jahr 2006.

“Die Menschen haben gesehen, daß Ausländer nicht nur Pizza bringen”, sagt die gebürtige Georgierin, die in Moskau studiert hat und seit 1991 in Stuttgart lebt, über ihre Vorstellung von Theaterarbeit. Denn der Schwerpunkt am Olgaeck – “Was kann ich bringen, was die anderen nicht haben”, habe sie sich gefragt – liegt traditionell auch in der kommenden Saison wieder auf Osteuropa. “Beziehungen kann man nur durch Information korrigieren”, sagt Nelly Eichhorn über die Notwendigkeit, auch weiter in dieser Richtung zu arbeiten. Und warum setzt sie dann nicht komplett auf ein osteuropäisches Programm? “Das”, sagt Eichhorn, “wäre das interessanteste Theater Deutschlands”. Es sei aber, man ahnt's, “finanziell nicht machbar”.

Die Saison 2007/2008 wird mit dem russischen Festival eröffnet, das vom 11. September bis zum 19. September dauern wird. Dort gibt es unter anderem ein Gastspiel des Drama-Theaters aus der Stuttgarter Partnerstadt Samara, Erzählabende in deutscher und russischer Sprache sowie einen Liedermacherabend. Vom 20. Mai an wird das Theater am Olgaeck beim Literatursommer mitmachen und das Migranten-Festival “Stationen der Sehnsucht” präsentieren. Die darauffolgende Spielzeit wird dann am 11. September 2008 mit einem polnischen Festival eröffnet.

Dazwischen sind insgesamt neun Theaterpremieren geplant, darunter eine Uraufführung. Die Saison ist dem Generalthema “Zwischenmenschliche Beziehungen” gewidmet, den Auftakt macht Martin Heckmanns' Stück “Das wundervolle Zwischending”. Auf ihn, dessen Stück “Wörter und Körper” im Februar im Theater im Depot uraufgeführt wurde, freut sich Eichhorn besonders. “Es ist schön, wenn man den Menschen ein bißchen härtere Sachen ins Gesicht sagen kann”, sagt Eichhorn über Heckmanns' Sprache. “Wozu machen wir Theater? Um die Leute zu beruhigen?” fragt Eichhorn rhetorisch. Ihre Antwort lautet: Natürlich nicht! Sie will zum Nachdenken anregen. Und “weil es ganz gut funktioniert, können wir hier einiges riskieren”. Auch wenn's oft am Geld fehlt.
Stuttgarter Zeitung
Jan Ulrich Welke, StZ, 28.08.2007



 
Kulturszene – Juni 2007

Ein Gespenst geht um

Olgaeck: Karl Marx' Leben als szenische Collage
Theorie und Praxis klaffen bei Karl Marx auseinander wie bei kaum einer anderen Geistesgröße des 19. Jahrhunderts. Mit einer Adligen war er verheiratet und fühlte sich doch dem Proletariat verpflichtet, zumal die aristokratischen Schwiegereltern das Dienstmädchen des bettelarmen Exilanten bezahlten. Leben und Denken des ebenso klugen wie manchmal weltfremden Analysten hat nun das Theater am Olgaeck auf die Bühne geholt. Natürlich ist es ein riskantes Unternehmen, fürs Drama nicht gedachte Texte zu inszenieren, auch wenn die Vita des kommunistischen Vordenkers genügend dramatische Verwerfungen aufzuweisen hat. Doch die Theaterchefin Nelly Eichhorn verfällt als ihre eigene Dramaturgin und Regisseurin nicht jeder Verlockung des Theaters, sondern achtet seine Grenzen. Sie sorgt für ein reizvolles Spannungsverhältnis von Wort und Handlung: Dialektik? Die textliche Ebene ist vielgestaltig. Einerseits wird ausgiebig aus Marx' Schriften, vor allem dem »Kapital« zitiert. Daneben sollen Tagebucheinträge und Briefe Handeln und Innenleben des Protagonisten verdeutlichen, nachvollziehbar machen.
Der kluge, nüchterne Analyst Marx ist im Privaten ein heilloser Schwärmer, seitenlang sind seine Herzensergüsse an die Angebetete (und spätere Ehefrau) Jenny. Auch in den fiktiven Dialogen, die Nelly Eichhorn dem Ehepaar in den Mund legt, zeigt er sich als hoffnungslos utopistischer Träumer; als einer, der die eigene Lage nicht einschätzen kann, auch wenn die letzten Schuhe und der Wintermantel schon beim Pfandleiher sind und er die spartanische Wohnung seines Londoner Exils kaum mehr verlassen kann.
Als Mensch aus Fleisch und Blut will diese Produktion Karl Marx auferstehen lassen, will einen Bezug zu Hartz IV und Massenarbeitslosigkeit unserer Tage aufzeigen, will die Montagsdemonstrationen im Geist des proletarischen Aufstands der Arbeiterklasse wiederbeleben. Man erfährt, dass der überzeugte Atheist Marx gern einen Weihnachtsbaum aufstellen will. Seinen medizinischen Akten entnehmen wir, dass er krank an der Leber war und wegen der finanziellen Situation seiner Familie an Schlaflosigkeit litt, sich mit Narkotika behandeln ließ. Provozierten solche Unpässlichkeiten jenen Schaffensrausch, dem sich seine Schriften zur politischen Ökonomie und sein Kampf fürs Proletariat verdanken?
Ein triebhaftes Mannsbild war Marx ja auch – mit dem Dienstmädchen zeugte er einen Sohn. Viel Zeit für Eskapaden war eigentlich nicht. Als scharfzüngiger Leitartikler hetzt er von Land zu Land, von Zeitung zu Zeitung, kann sich damit kaum über Wasser halten, findet manchmal nicht mehr die richtigen Worte. Jenny hält ihm schließlich die Abstraktheit seiner Gesellschaftsanalyse vor: Unverständlich seien die Schriften, niemand würde sie lesen, wie könne er da Erfolg haben? Aber dann: »Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst des Kommunismus.«
Letztlich erfährt man diesen siebzigminütigen Theaterabend dennoch als blutarm und müde. Wie in der historischen Figur des Karl Marx klaffen auch in der Inszenierung Anspruch und Wirklichkeit auseinander, weniger aufgrund des dramaturgischen Konzepts, vielmehr wegen der schauspielerischen Leistungen. Recht hilflos bewegen sich die vier Schauspieler (Constance Klemenz, Anne Weidemann, Reinhold Hager. und Rolf Högemann) in der spartanischen Bühne. Eine halbe, schwarz abgedeckte Treppe am rechten Rand, ein Kaffeetisch in der Mitte und der Arbeitsplatz des Denkers an der linken Seite sind Positionsgeber für statuarisches Laienspiel. Da tritt eine junge, osteuropäische Studentin auf, die von den realsozialistischen Bedingungen im sowjetisch geführten Kaukasus erzählt – ohne Mimik und Körpersprache. Auch der rauschebärtige Kommentator hat kaum Modulation in der Stimme, von Gestik oder körperlicher Präsenz gar nicht zu reden. Und so verpufft diese szenische Collage mit ihren überflüssigen Piano-Einsprengseln einigermaßen wirkungslos.
Markus Dippold


 
Stuttgarter Zeitung – 30. Dezember 2007

Allein an Silvester?

„Dinner for one” im Theater am Olgaeck

Silvester allein zu Hause, ja, da bleibt einem nur ein Dinner for one mit „Dinner for one”. Also Flasche auf und Glotze an, um sich bei dem alten Sketch mit May Warden und Freddy Frinton, von vielen schon x-Mal gesehen und fast auswendig gelernt, ein wenig zu amüsieren. Maria Sofia aber hat Pech. „Jetzt lässt du mich auch noch im Stich”, ruft die einsame junge Singlefrau ihrem Fernseher zu, nachdem er jedes Bild verweigert.
Bleiben als Hoffnung nur noch die Gelben Seiten. Und der dort gefundene Dinner-for-one-Dienst. Ein junger Mann reist auch blitzeschnell an, zerstört die Flimmerkiste gänzlich, hat aber alles dabei, was zum „Dinner for one” gehört: Fliege, Frack (überm verschmutzten Unterhemd) – vor allem aber Text- und Spielkenntis. Maria Sofia (Michaela Metzger) bekommt noch ihren Sketch, live, darf sogar selbst Miss Sophie spielen – und amüsiert sich kräftig.
Das Publikum im Theater am Olgaeck, die Abendversion von Nellys Puppentheater, auch. Hatte man zunächst die Befürchtung, dass eine bloße Kopie des Sketches misslingen müsse, weil May Warden und Freddy Frinton kaum zu überbieten sind, nimmt die von Rüdiger Erik inszenierte Long Version mit einem Spiel im Spiel nach dem Auftritt unseres Fernsehmechaniker-Butlers völlig für sich ein. Moritz Gaa macht seine Sache so wunderbar; und zwar in beiden Rollen, dass man Tränen lacht. Das gute alte britische Dinnerpaar vermisst man nicht, weil wir den Fernseh-James wiedererkennen, ohne dass Gaa vorgibt, nur dieses Vorbild sein zu wollen, und sich nicht an ihm messen will.
Er ist mehr als eine Kopie – ganz wie das Stück auf der kleinen Bühne in der Charlottenstraße 44. Gute Unterhaltung, die einem anschließenden Silvesterdinner für two nicht im Wege steht: Die Vorstellung dauert nur .knapp 45 Minuten.
hjg


 
Stuttgarter Zeitung – 5. Juni 2007

Mein Lieblingsmörder

Im Theater am Olgaeck finden „Kleine Eheverbrechen“ statt

„Die Hölle, an der ich hänge”, nennt Lisa die zehn Jahre Ehe mit Gil. Der wiederum bekennt: „Ich will keine andere Frau. Ich will keinen anderen Mörder.” Schon seltsam, wie sich Frau und Mann gestehen, dass sie – ja, was eigentlich? Sich lieben? Voneinander abhängig sind? Eric-Emmanuel Schmitt zielt in seinem Zweipersonenstück „Kleine Eheverbrechen” sehr provokativ auf fundamentale Dinge, die Ehepaare umtreiben. Lisa findet, die Ehe bedeute schlichtweg Gewalt. Warum? Weil sie meint, Gil sei attraktiver als sie. Weil er ohne sie auskommen könne. Weil sie beide gemeinsam altern.
Spannend wie ein Krimi ist Schmitts Stück mit seinen absolut überraschenden Wendungen. Jetzt ist es im Theater am Olgaeck zu sehen. Zu Beginn kommt Gil (Christoph Franz) aus dem Krankenhaus zurück. Nach einem Unfall hat er sein Gedächtnis verloren. Er weiß nicht mehr, dass er Lisas Gatte ist. Rührend, wie Lisa (Diana Mayer) ihm jetzt erklärt, was für ein Mensch er ist. „Erzähl mir mehr von mir”, bittet Gil, der Heuchler. Denn er hat bloß vorgespielt, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Das sagt er Lisa dann auch, und nun beginnt ein heftiger Ehe- und Liebeskampf.
Die Qualität der Inszenierung von Marcus Helm macht aus, dass sie das richtige Maß finden. Diana Mayer und Christoph Franz übertreiben niemals. Sie schreien nur dann, wenn es wirklich angemessen ist. Diana Mayer spielt Lisa als temperamentvolle und ganz klar argumentierende Frau. Und Gil, wie ihn Christoph Franz gibt, ist ein reflektierter Intellektueller und zugleich ein Macho, dem die eigene Egozentrik unheimlich wird. Mayer und Franz überzeugen, weil sie beides sensibel und genau vermitteln: die Aggressionen von Lisa und Gil gegeneinander, zugleich aber ihre tiefe Zuneigung. Ein Rührstück ist Schmitts Ehedrama nicht. Über die Lebensform Ehe formuliert es trostlose Wahrheiten, aber auch berührende über Eheleute, die sich lieben. Was immer das heißt.
C. B.


 
Kultur – April 2007

Frauen in der Provinz

»Casting in Kursk« im Theater am Olgaeck

Kursk ist Provinz. Ein schäbiger kleiner Ort im Nirgendwo, weit weg von Moskau. Eine Verlierergemeinde in den Weiten Russlands, wo es kaum Hoffnung gibt, nur das öde Dasein zwischen arbeitslosen Männern, zänkischen Nachbarinnen und kriminellen Kindern. Frust beherrscht die Gesellschaft und zugleich eine unausgesprochene, aber starke Sehnsucht, von dort wegzukommen. Schon zwei Satzfetzen aus dem Stück »Casting in Kursk« von Alexander Galin kennzeichnen das Lebensgefühl der Figuren: »Hier treiben es Idiot und Idiotin« und »Unsere Männer sterben an Minderwertigkeitskomplexen«.
Im Jahr 2000 wurde »Casting in Kursk« in Moskau uraufgeführt. Sechs ganz unterschiedliche Frauen führt Alexander Galin in seinem Drama zusammen. Sie begegnen sich in einem schäbigen Nebenraum des einzigen Dorfkinos, gelockt von einer Anzeige, die ihre Sehnsüchte noch geschürt hat. Der reiche Japaner Aoki reist nämlich durch die russische Provinz – auf der Suche nach Mädchen. Jobs in der Unterhaltungsindustrie des fernen Ostens verspricht er – doch gemeint sind Tabledancing und ähnliche Männervergnügen in Singapur, Hongkong und anderen asiatischen Boomtowns.
Doch so genau wollen es die sechs Damen gar nicht wissen. Allgemeine Auflösung und Hysterie prägen jetzt die Stimmung in der kleinen Stadt: »Seit dieses Casting annonciert ist, ist Kursk wahnsinnig.« Genau aus dieser Mixtur aus Tragik, Komik, psychologisierendem Realismus und Melancholie zieht das Stück, nun auf dem Spielplan des Theaters am Olgaeck, seine Kraft.
Olga (Diana Mayer) ist eine in der Ehe gut versorgte, gelangweilte, nicht mehr ganz junge Dorfschönheit, die genau weiß, was Tedzusin Aoki sucht. Entsprechend offenherzig zeigt sie ihre Brüste, kokettiert an der Grenze zwischen Charme und Gossenjargon, der das Straßenmädchen verrät, das sie mal war. Ihren Gegenpart stellt die bis oben hin zugeknöpfte Nina (Nicki Liszta) dar; eine verkopfte und verkrampfte Geisteswissenschaftlerin, verheiratet mit einem arbeitslosen Akademiker, der außer mehreren Abschlüssen und Doktortiteln nichts vorzuweisen hat. Immer wieder stoßen diese beiden Frauen aneinander im Bemühen, Distanz zu wahren und sich doch näher zu kommen.
Zickigkeit, Zynismus, Arroganz und Tagträumerei sorgen für die Kontraste in diesem spannungsgeladenene Stück. Tamara (Maxi Bitsch) hält sich krampfhaft an ihrem Akkordeon fest und will einfach nur von ihrem trinkenden jähzornigen Mann weg. Die beiden Schwestern Katja (Esther Maaß) und Lisa (Gabi Weller) hüpfen wie aufgedrehte Hennen über die Bühne, kichern, gackern und sehnen sich nach einer goldenen Zukunft, die sie sich durchaus realistisch vor Augen führen: Obwohl beide noch keine zwanzig Jahre alt sind, haben sie im »Hotelgewerbe« schon einschlägige Erfahrungen gemacht und zeigen ihre »Talente« in einer herrlichen Nummer, die in schönster Ballettpose beginnt und schnell zum Disco- und Tabtedance mutiert. Erst bei diesen Russen­Pop-Klängen begreift ihre Mutter Warwara (Diane Marstboom), was sie da für Früchtchen herangezogen hat, und reagiert in einer hilflosen Mischung aus Wut, Fürsorge und Hoffnung.
Starke Charakterbilder sind dem Autor Alexander Galin gelungen, Vladislav Grakovskiy hat sie in einer temporeichen Inszenierung auf die Bühne gebracht und arbeitet intelligent an der Entwicklung der Figuren. Die alte Warwara poltert lautstark und betrunken in den Wartesaal des Castings und schmeißt eine Wodka- und Kümmel-Runde nach der anderen, bis sie die Hintergründe dieser Aktivitäten begreift. Das dauert, denn die Damen passen mehrheitlich überhaupt nicht in das Raster des reichen Japaners. Kommentar seines Assistenten Albert: »Überall war es normal – nur hier kommen die Alten und die Merkwürdigen.« Aoki selbst ist nie zu sehen oder zu hören, präsent ist er nur als anonyme Größe außerhalb des Bühnenraums, quasi gespiegelt durch seinen Assistenten und Übersetzer (Sebastian Huber); auf ihn übertragen die Frauen ihre zunehmende Frustration, an ihm lassen sie auch ihre Wut aus – bis er sich mit den Frauen solidarisiert.
Wenn diese ihr »Talent« unter Beweis stellen, provoziert das natürlich die meisten Lacher in der kurzweiligen und amüsanten Produktion. Die alte Warwara, der Motor des Geschehens, macht auch hier den Auftakt und plärrt das jiddische Volkslied »Tum­balalaika« – nicht schön, aber mit Verve. Die verklemmte Nina schlängelt sich grotesk auf, unter und zwischen den Stühlen herum, begleitet von Akkordeonklängen. Was zickig und kompetitiv begonnen hat, führt über die parodistischen »Talentproben« der Kandidatinnen letzlich zu solidarischem Schulterschluss. Am Ende sind es nur die jungen Mädchen Katja und Lisa, die Aoki nach Singapur begleiten. Die anderen bleiben enttäuscht zurück, wieder konfrontiert mit dem täglichen Frust in Kursk.
Markus Dippold


 
„Sauerstoff” gerät zu einer modernen Bergpredigt. Der Regisseur verwandelt das Theater am Olgaeck in eine dunkle Disco. Er drückt aufs Tempo und der Zuschauer sitzt mittendrin. Das macht Spaß.”
(StZ, 15.05.06)


„In ‚Die Rolle der Frau Dostojewski’ findet der Regisseur reduzierte Bilder, denen Diane Marstboom und Jan-Sandro Berner große Intensität verleiht.”
(StZ, 14.03.06)


„Die Zeit ist reif für osteuropäische Kultur”. Heute beginnen die Kulturtage im Theater am Olgaeck.
(StN, 01.10.05)


„… warten die Russischen Kulturtage mit einem umfassenden Programm auf. Vom 1. bis 15. Oktober werden im Theater am Olgaeck russische Theatergruppen zu Gast sein… Eichhorn will in ihrer noch jungen Bühne am Olgaeck nicht nur Kinder- und Erwachsenentheater aus der Stadt anbieten, sondern auch Gruppen und Produktionen aus Osteuropa einladen.”
(StZ, 29.09.05)


Nelly Eichhorn hat eine zweite Spielstätte eröffnet, die inzwischen sehr erfolgreich in die zweite Saison geht: das Theater am Olgaeck, von vielen Russen liebevoll Teatr na Scharlotke – Theater am Charlottchen – genannt.
(Interkultur Stuttgart, Ausgabe 16, 05)


„Glasnost, Perestrojika und ihre Auswirkungen auf das künstlerische Leben in Stuttgart sind wohl an keinem Ort so anschaulich erlebbar wie im Theater am Olgaeck”
(StZ, 29.09.04)


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