Theater am Olgaeck

Schwester von…

Autor: Lot Vekemans
Regie: Nelly Eichhorn
Schauspiel: Mariam Chincharadze

In dem Monospektakel „Schwester von…” der holländischen Autorin Lot Vekemans, reflektiert Ismene ihr Dasein im Schatten ihrer heldenhaften und weltberühmten Schwester Antigone.
Ismene, die Nebenrolle, schwingt sich auf, beleuchtet die herrschende öffentliche Meinung über Helden und Haupt­rollen und zeichnet das Bild einer Antiheldin, die nun hinter dem Schleier der Schwester von… hervortritt und erstmals für sich selbst spricht. Sie richtet sich direkt ans Publikum und hinterfragt die klassischen Zuschreibungen von Mut contra Furcht, Stärke contra Schwäche, Emotion contra Rationalität, Standhaftigkeit contra Opportunismus.
Es entsteht ein intensives Spiel, das auch an die Verant­wort­lichkeit der Masse appelliert und immer wieder die Frage aufwirft: Was kann der Einzelne bewirken?

Von Höllenhunden bewacht, setzt sich Ismene, die jüngere Schwester der unbeugsamen Heldin Antigone, mit ihrem Schicksal auseinander. Die Ausgestoßene, die sich immer nur ein „normales” Leben gewünscht hat, mit Mann und Kindern, unbelastet von Macht, Grausamkeiten und Tragödien. Zuweilen sehr nahe, denn hier spricht eine verzweifelte Frau: „Für meine Schwester war ich ein niederes Wesen, ein unwichtiges Wesen.”

Nicht zur Heldin berufen, zeigt sich Ismene als eine durchschnittliche junge Frau, die die ältere, todesmutige Schwester anflehte, sich nicht gegen Kreon, ihren Onkel und Herrscher von Theben, zu stellen. Ismene ist geduldig und vorsichtig, während Antigone und die beiden Brüder Eteokles und Polyneikes sogar rücksichtslos gegen sich selbst sind.

Als die Brüder im Kampf fallen, soll nur Eteokles würdig bestattet werden, nicht aber Polyneikes, der als Feind der Stadt kämpfte. Wie der Mythos berichtet, lehnt sich Antigone gegen Kreons Verdikt auf und setzt einen tödlichen Kreislauf in Gang. Ismene bleibt am Leben, jedoch nicht in Freiheit. Die kleine Schwester zieht das Publikum tief hinein in die Verzweiflung der „kleinen Schwester ohne Bedeutung”, eine heutige junge Frau, die die großen Ideale nicht anziehen, sondern nur erschrecken. Doch vielleicht ist Ismene sogar tapferer als all die toten Helden, denn sie bleibt zutiefst menschlich und mitfühlend. Ismene, Tochter des Ödipus, ist Ikone für all diejenigen, die nicht in großen Idealen denken. Sie ist den heutigen Menschen nahe, vor allem denen, die die emotionalen Motive über die ideologischen stellen.

Zutiefst menschlich zeigt sich Ismene, die dem Publikum das Urteil über ihr Handeln überlässt. Der 2005 uraufgeführte und preisgekrönte Monolog der holländischen Dramatikerin Lot Vekemans fragt nach dem Zusammenhang von Charakterstärke und Starrsinn, edler Größe und Egoismus und stellt Ismenes Sichtweise in einer ganz modernen Sprache vor.

Aus einem fluchbeladenen Geschlecht stammen die Schwestern Antigone und Ismene; sie und ihre Brüder sind Kinder von Ödipus und Iokaste, unwissentlich in „Blutschande” gezeugt. Das Schicksal der mythischen Gestalten hat die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans, 1965 geboren, zu ihrem preisgekrönten Monologstück „Schwester von” angeregt.

Dauer: etwa 70 Minuten, keine Pause
Karten: € 15,- / ermäßigt 12,-

 
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